„Das Leben ist zu kurz zum Gassigehen“

KIRR-Royal-Talk mit Musik-Ikone Ralph Siegel Text © Daniela Schwan Bilder © Mila Pairan




 

Er ist das Urgestein der deutschen Musikszene, niemand verkörpert den deutschen Schlager so sehr wie Ralph Siegel. Eine Ikone. In seinen selbstverfassten Memoiren „Ralph Siegel. Die Autobiografie“ – die 2. Auflage wird gerade gedruckt – gibt der Komponist, Musikverleger und Songwriter spannende Einblicke in 50 Jahre deutsche Musikszene und People, die seinen Weg kreuzten, plaudert über seine drei Ehen und seine drei Töchter. Und der 70-Jährige verrät, wie er innerhalb von zehn Monaten 40 (!) Kilo abgenommen hat. Faszinierend. Zum KIRR-Talk trifft sich der eloquente und charmante Musik-Gigant mit KIR-München Society-Redakteurin Daniela Schwan und Kirr Royal-Wirt Jürgen Christ.

Herr Siegel, welche Musik hören Sie gern, Ihre eigene?

Ralph Siegel: Am liebsten Ragtime, die alten Chicago Songs, ab und zu Oldies – und meine ganz alten Nummern aus Spaß. Aber auch Klassik gehört zu meinem Musikgeschmack, Mozart zum Beispiel.

Auch mit 70 denken Sie längst nicht an Ruhestand, woran arbeiten Sie derzeit?

Ralph Siegel: Momentan arbeite ich mit neuen, jungen Künstlern, die wir über die UFA Talentbase über ein Jahr lang gecastet haben. Und da steht an allererster Stelle Julia Kollat, eine Neuentdeckung, die ich für eine der besten Sängerinnen überhaupt halte. Jetzt stehen wir allerdings vor der Problematik, deutsches Radio und deutsches Fernsehen, was uns das Leben nicht leichter macht.

Wie meinen Sie das?

Ralph Siegel: Dort wird fast nur englische Musik gespielt, und der deutsche Pop-Schlager hat es ganz schwer. Den typischen Schlagersendern ist das nicht schlagerhaft genug, zu modern. Und bei den ausgesprochenen Popsendern ist es nicht englisch oder verrückt genug. Eine ganz, ganz schwierige Situation, die wir momentan haben.

Wie sieht denn Ihr Resümee nach 50 Jahren Showbusiness aus?

Ralph Siegel: Schlicht gesagt, es hat sich viel verändert, teilweise zum Guten, teilweise leider nicht zum Guten. Das Formatradio ist ein ganz großes Problem geworden für alle deutschen, jungen Künstler, die sich darauf einstellen müssen, entweder für das Format zu produzieren oder vielleicht etwas ganz Neues aufzubauen. Aber es ist sehr, sehr schwer, in diesem Lande deutsche Popmusik zu machen, weil die Sender es kaum spielen.

Und worin besteht das Gute, das Sie ebenfalls ansprachen?

Ralph Siegel: Das Internet. Es ist zwar katastrophal, wenn man für neun Euro zwei Millionen Songs downloaden kann. Aber das Schöne ist, das Spektrum ist sehr breit im Gegensatz zur Rundfunklandschaft.

Kommen wir zu Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit...

Ralph Siegel: Naja, ich bin zwar ein Autor, aber kein Schriftsteller. Heute mich jemand angerufen und meinte, er lese mein Buch so gerne, weil er das Gefühl habe, ich würde neben ihm sitzen und alles erzählen.

Sie haben Ihr Buch komplett allein geschrieben?

Ralph Siegel: Sozusagen. Zuerst hatte ich 300 Seiten diktiert und dann weggeschmissen, weil ich gemerkt habe, dass es beim Diktieren wahnsinnig schwerfällt, die richtigen Wörter zu finden. Dann habe ich ca. 1.000 Seite auf dem Computer geschrieben und einem Freund und sehr guten Journalisten in Wien gegeben, er solle das auf 500 Seiten kürzen. Anschließend habe ich es noch ein paarmal durchgearbeitet. Jetzt ist, glaub ich, ein Buch entstanden, das mein Inneres nach außen kehrt, die Wahrheit, die ich in meinem Kopf oder meinem Herzen oder in meiner Seele hab’. 

Also geben Sie sehr viel von sich selber preis?

Ralph Siegel: Vielleicht sogar ein bisschen zuviel, aber mit 70, glaub’ ich, darf man das. Wenn man das mit 70 nicht darf, dann darf man das ja nie mehr. Meine Kinder und meine Frauen, Ex-Frauen, haben immer gesagt, ich soll doch mal das aufschreiben, was ich abends immer beim Wein erzähle.

 

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit Ihrem Buch vermitteln wollen?

Ralph Siegel: Ja, ich habe eine Ode an München geschrieben, weil ich München liebe. Für mich ist es eine der schönsten Städte der Welt, wenn der Winter nicht wäre. Wenn es nicht so kalt wäre, gibt es keine schönere Stadt in allen Bereichen. Und natürlich nenne ich auch meine Lieblingsplätze, meine Lieblingsrestaurants, wo ich mich wie zu Hause fühle, und die Lieblingshotels. Allen voran das Trader Vic’s, dann der Bayerische Hof insgesamt, natürlich der Königshof, den ich besonders schätze. Außerdem das Chang und Mangostin, das auch bei meiner Diät hilft, die ich gerade gemacht habe. Da habe ich 40 Kilo abgenommen in einem Jahr. Jetzt bin ich wieder auf 100, halte das seit Monaten und will das auch weiter behalten.

Wahnsinn, wie haben Sie das denn geschafft?

Ralph Siegel: Das ist eigentlich gar nicht so schwer, wenn man darüber nachdenkt und sein Essen ein bisschen anders gestaltet und Kohlenhydrate reduziert. Und da habe ich das virtuelle Buffet erfunden, das ich in meinem Buch beschreibe. Man lernt dort ganz schnell mit gutem Essen, mit fantastischen drei Gänge-Menüs und mit einer Flasche Wein und noch einer Flasche Champagner, wenn es sein muss, abzunehmen.

Mehr verraten Sie nicht darüber, man soll also Ihr Buch lesen?

Ralph Siegel: Ja. Jetzt haben wir ja schon zwei Seiten unseres Interviews weg, und das wäre dann ja viel zu lang.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, worauf sind Sie besonders stolz?

Ralph Siegel: Besonders stolz bin ich, dass ich soviel Kraft von meiner Mutter bekommen habe und diese ganzen schweren Jahre mit all meinen Krankheiten überleben durfte. Und dass ich noch die innere Kraft habe, wie sagt man... die Power habe, um immer noch weiterzuarbeiten, was mir unendlich viel Spaß macht. Und ganz besonders stolz bin ich natürlich auf meine Kinder und die große Patchwork-Familie.

... und der Sieg beim Grand Prix?

Ralph Siegel: Naja, das ist ein Teil meines Berufs. Das ist so, wie der Beckenbauer irgendwann Weltmeister wurde. Ich habe dann als Komponist noch drei Mal den zweiten und zwei Mal den dritten und zwei Mal den vierten Platz erreicht.

Was halten Sie denn von den ganzen Casting-Shows?

Ralph Siegel: Ich bin kein großer Freund davon. Wobei ich allen raten würde, sie doch in der Muttersprache zu gestalten, weil natürlich 99% aller Sänger, die da singen, kein Englisch oder Amerikanisch singen können, auch wenn sie das glauben. Kurzfristig geht dann vielleicht mal ein Chartsong, aber eine langfristige Karriere kannst du nur in deiner Muttersprache machen. Das hat die ganze Welt bewiesen.

 

Wer ist denn für Sie der größte deutsche Sänger?

Ralph Siegel: Der ist noch nicht geboren. Für einen der wichtigsten Interpreten halte ich Udo Lindenberg und natürlich Herbert Grönemeyer und Xavier Naidoo. Der größte deutschsprachige Sänger war für mich Peter Alexander, ja, und Udo Jürgens, aber der ist auch Österreicher, ebenso wie Andreas Gabalier. Peter Maffay, ein Rumäne. 

Oder Helene Fischer.

Ralph Siegel: Die ist Russin. Sie können noch weitermachen, aber die kommen alle aus dem Ausland. Ich halte Yvonne Catterfeld für die beste Popsängerin, sie ist meine persönliche Lieblingssängerin, die man auch überredet hat, teilweise in Englisch zu singen. Lena Meyer-Landrut macht vor, wie man natürlich mit einer großen Fanbase bei den Kiddies es auch schaffen, dort ab und zu mal in Englisch zu machen.

Jürgen Christ: Ich bin ja ein großer Nicole-Fan. Was hat Sie zu dem Friedenslied beweg?

Ralph Siegel: Das ist eine ganz lange Geschichte, soviel Zeit habe ich jetzt gar nicht... aber im Endeffekt waren es viele Zufälle. Kurz gesagt, ich wollte für Nicole ein Friedenslied schreiben. Weil ich dachte, es war einfach eine sehr, sehr unruhige Zeit, so dass man mal wieder ein Friedenslied schreiben könnte. Dann sagte ich zum Bernd Meinunger, weißt du, das muss ein bisschen anders sein, ein bisschen ruhiger, ein bisschen herzlich... und dann sagte er, jetzt hast du schon zum zehnten Mal ‚ein bisschen’ gesagt, dann lass uns doch ein bisschen Frieden machen.“

Jürgen Christ: Was mich noch interessieren würde, wie viele Zuschriften bekommen Sie von jungen Künstlern, die meinen, sie können singen und CDs schicken? Hören Sie sich das an oder langweilt Sie das?

Ralph Siegel: Also, ich höre fast alles an, was man mir oder meinen Mitarbeitern per MP3 auf meine E-Mails schickt. Und wenn es mich interessiert, lade ich den Künstler oder Autor ein. Udo Lindenberg war auch mal da, 1964 oder ’65 - ich kam gerade aus Amerika noch mit Frank Sinatra in den Ohren – und Udo sagte: „Ey Alter, kann ich hier mal vorsingen?“ Das hat er dann auch gemacht, und es klang so, dass ich sagte, ‚Udo, bleib lieber am Schlagzeug’. Damals hatte ich noch nicht erkannt, dass die Persönlichkeit noch wichtiger ist als die Stimme.

Jürgen Christ: Ich bin ja ein Kind der 80er und hab’ mich deshalb auch für dieses Bar-Konzept entschieden.

Ralph Siegel: Ein toller Laden hier. Super. Richtig schick. Es gefällt mir besser, wenn es nicht so voll ist hier.

Jürgen Christ: Am Wochenende ist hier Party, einmal im Monat donnerstags dann ein Schlagerabend und einmal im Monat samstags eine Single-Party, da sind in der Regel 250 Leute hier.

Ralph Siegel: Da komm ich dann nicht.

Kommen wir noch mal auf Ihr Buch zurück, welches sind Ihre stärksten Erinnerungen?

Ralph Siegel: Eigentlich hätte ich 5.000 Seiten schreiben können, weil ich so viel erleben durfte. Meinen Eltern habe ich alles zu verdanken, die mir eine fantastische Jugend trotz der Kriegszeiten ermöglicht haben. Man darf nicht vergessen, ich bin 1945 geboren, in Schutt und Asche aufgewachsen in München. Wir sind dann aufs Land gezogen, und meine Mutter hat ihr letztes Silber versetzt, damit sie mir vom Bauern ein paar Eier, Speck oder Hühnchen kaufen konnte. Das war natürlich nicht so die Zeit mit dem Honigschnuller im Mund. Aber nach dem Krieg war mein Vater wieder erfolgreich im Musikverlag und hatte auch sehr gute Kontakte in Amerika, so dass unser späteres Haus in den 50er-Jahren in Rimsting am Chiemsee ein Tummelplatz von Stars und Bekannten von Roy Orbison bis Liz Taylor war. Und ich schreibe natürlich auch über die Paradiesstraße und meiner ersten Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht...

Jetzt wird’s interessant.

Ralph Siegel: ...wo ich mich nackt im Schrank versteckte mit meiner ersten großen Liebe Traudel.

Weil der Ehemann kam?

Ralph Siegel: Nein, so weit war ich noch nicht. Der Hausmeister kam gerade ins Haus, und wir mussten uns schnell im Wandschrank verstecken.

Gibt es im Moment eine große Liebe in Ihrem Leben?

Ralph Siegel: Den Wunsch, endlich mit einem Menschen glücklich zu sein, wie ich es mit meinen Frauen war -  ist klar, hat jeder. Ich sage immer, man verliebt sich entweder in die falsche Frau - oder man lernt sich kennen und stellt fest, dass man sich gerne mag, aber es doch nicht für ein Leben lang reichen wird. Bei meiner Frau Dunja war es ganz offensichtlich, dass wir uns divers entwickeln werden. Die Slowakei hat eine komplett andere Mentalität als wir in Bayern. Wir haben 1975 geheiratet, es war ja auch ein wunderbarer, neun Monate alter Grund da, die Giulia. Für meine Kinder hatte ich immer zu wenig Zeit, aber sie haben irgendwann gesagt, Papi, wir sind dir nicht böse, dafür haben wir eine schöne Jugend gehabt und eine gute Ausbildung bekommen.

Sie haben drei Töchter aus zwei Ehen und fünf Enkel...

Ralph Siegel: Ja, und jede geht einen anderen Weg. Giulia, die am meisten in den Medien steht, war mit 16 bereits Model und hat für die erste Fotosession plötzlich 1.500 Mark bekommen. Und dann steht das Kind da und sagt, ‚Papi, ich brauch dein Taschengeld nicht mehr.’ Später hat sie ja Karriere im Fernsehen gemacht mit über 300 Sendungen und außerdem ihren Sohn und ihre Zwillinge großgezogen. Marcella, die glücklich verheiratet ist mit einem österreichischen Top-Manager, hat den Weg des Studiums beschritten, hat ihren Master of Business in London gemacht und sich auf PR und Marketing spezialisiert und z.B. Mario Barth auf den Markt gebracht. Und lustigerweise ist sie auch Mutter von Zwillingen, alle sind unfassbar süß. Und Alana, meine Jüngste, hat gerade Abitur gemacht und studiert jetzt in Berlin Medienwissenschaften. Sie ist inzwischen 1,87 m groß und ein faszinierendes, bildschönes Kind. Aber das sind sie alle, vielleicht, weil ich so hübsche Frauen hatte.

Haben Sie noch Kontakt zu all Ihren Ex-Frauen?

Ralph Siegel: Zu allen. Zu Dunja vielleicht einmal im Monat, zu Dagmar einmal die Woche, sie ist die Mutter von Alana. Dann habe ich noch guten Kontakt mit Kriemhild, es ist also alles im positiven Patchwork-Bereich.

Jürgen Christ: Haben Sie eigentlich einen Leitspruch?

Ralph Siegel: Das Leben ist kurz, um Gassi zu gehen, schlechten Wein zu trinken und in zu kleinen Badewannen zu baden.

Jürgen Christ: Ist das wörtlich gemeint?

Ralph Siegel: Ja. Ich sehe mich als guten Hundebesitzer, und ich habe meinen Frauen oder Lebensgefährtinnen immer gesagt, ich übernehme alles für den Hund, streichel ihn, umarme ihn für eine Stunde beim Fernsehen. Ich mache alles, außer Gassigehen. Ich habe ausgerechnet, wenn ein guter Hundebesitzer in 40 Jahren am Morgen und am Abend Gassi geht, gut eineinhalb Stunden, dass das ca. zehn Jahre seines Lebens sind. Und schlechter Wein ist schlecht für den Magen, für die Leber, für alles. Also, lieber ein paar Euro mehr ausgeben und dafür eine Flasche weniger, als sich mit schlechtem Wein zu betrinken. Und zu den Badewannen: Ich kenne kein schrecklicheres Gefühl, als mit 140 Kilo in einer kleinen Hotel-Badewanne zu sitzen und sich dann rauszuzwängen, wenn es dann auch noch rutschig ist und von oben aus der Dusche die kalten Tröpfchen runterfallen. Diese drei Dinge halte ich für das Schrecklichste überhaupt.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Ralph Siegel: Was ist das?

Welche Pläne haben Sie denn für die nächsten Jahre?

Ralph Siegel: Was der liebe Gott mit mir macht, weiß ich natürlich nicht. Bis jetzt hat er es immer gut mit mir gemeint und mich noch nicht in seine Band geholt. Max Greger ist gerade nach oben gefahren, zum Saxophon spielen. Wenn ich noch ein bisschen dableiben kann, dann kümmere ich mich hauptsächlich um den Musiker-Nachwuchs und werde Lieder schreiben, was immer schwerer geworden ist. Weil, wie gesagt, die Radiolandschaft so unfassbar krank ist.