KIR-Talk im IL Mulino

Power im Doppelpack: Brigitte Hobmeier und Benjamin von Blomberg




Il Mulino, Görresstraße.

KIR München trifft sich auf der schönen Sonnenterrasse mit Vollblut-Schauspielerin Brigitte Hobmeier und dem neuen Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele, Benjamin von Blomberg.

Brigitte Hobmeier, preisgekrönter Theaterstar, arbeitete u.a. mit Regie-Größen wie Peter Stein, seit 2005 ist sie an den Münchner Kammerspielen (hier traf sie auf Andreas Kriegenburg, Stefan Pucher, Thomas Ostermeier – das Stück „Susn“ noch immer im Programm).

Benjamin von Blomberg war zuvor Schauspielchef und Chefdramaturg am Theater Bremen und kam vor ein paar Monaten nach München.

Ein Power-Duo, das sogar den Interviewer überflüssig macht. Das einzige, worum wir sie bitten, ist, dass sie mehr von sich als von ihrer Theaterarbeit sprechen – obwohl das schwer denkbar ist, so aufgeladen von Probenerlebnissen und Neustartgefühlen sie vor uns sitzen. Flugs ist man beim „Du“, Fragen und Anmerkungen fliegen hin und her wie Ping-Pong-Bälle. Währenddessen kredenzt man im Il Mulino sommerliche Meeresfrüchte wie Oktopussalat und Riesengarnele, eine gemischte Fischplatte mit Wildlachs und natürlich Dolce mit Erdbeeren, Crème Brulée und Tiramisu.

Brigitte: Benjamin, Du bist von Bremen frisch nach München gezogen. Wie fühlt man sich als Norddeutscher in der Isarmetropole?

Benjamin: Ich hab’ vorher ja schon ein paar Filme von Marcus Rosenmüller geguckt, um mich ein bisschen vorzubereiten...

Brigitte: ... Auf Bayern? Das find ich toll (alle lachen). Rosenmüller ist super, aber ich bringe dir mal noch ein paar andere Sachen mit wie „Kir Royal“ oder „Münchner Geschichten“. Um ein Gespür für Bayern zu bekommen, finde ich aber immer noch den Roman „Erfolg“ von Lion Feuchtwanger am tollsten.

 

KIR München: Benjamin, wie ist denn nun der Eindruck von München bislang?

Brigitte: Ach, dürft Ihr hier auch Fragen stellen? Ich dachte die Bedingung für dieses Interview war, dass wir uns gegenseitig befragen …

 

Benjamin: - Also, München. Mein Eindruck – (denkt nach) das ist echt noch schwer zu sagen. Für mich bedeutet München in erster Linie: die Kammerspiele. Das Entscheidende ist ja, wie wohl man sich mit den Leuten an dem Ort fühlt, der eigentlich nur ein Arbeitsort ist, an dem wir eigentlich aber unsere gesamte Lebenszeit verbringen. Und da kann ich schon sagen, dass ich froh bin, diese Entscheidung getroffen zu haben. Ich mag das Haus, ich wurde dort auf eine offene Art und Weise willkommen geheißen. Also: Ich stell mir jetzt einfach einmal vor, dass ganz München so ist! Dass es überall diese Umsichtigkeit im Miteinander gibt und alle Münchner nach etwas suchen, das über sie und das Alltägliche - hier das ja meist ziemlich schöne und luxuriöse Leben – hinausweist, und wenn es nur das Bewusstsein ist, dass es nicht allen so geht. 

Brigitte: Ich hab gehört, Du schwimmst gern?

Benjamin: Ja. Ich habe auch schon ein Lieblingsbad für mich entdeckt: das Müller’sche Volksbad. 

Brigitte: Ich würde sagen: gute, aber nicht gerade überraschende Wahl. 

Benjamin: (lacht) Das stimmt. Aber gerade ist es im Übrigen gar nicht so voll, da die meisten Besucher jetzt draußen schwimmen wollen. 

Brigitte: Ich war mal Leistungsschwimmerin. 

Benjamin: Echt? 

Brigitte: Ja, Dritte bayerische Meisterin in 200 Meter Delfin! Darauf bin ich sogar heute noch ein wenig stolz. Aber seitdem kann ich nicht mehr in einem normalen Schwimmbad schwimmen, weil mich diese Langsamschwimmer so irritieren. Ich bekomme auf der 25-Meter-Bahn sofort Wettkampf-Adrenalin. Im Schwimmbad will man sich ja entspannen und erholen, aber dafür bin ich komplett falsch geprägt. Ich bin zehn Jahre geschwommen, fünf davon im Leistungssport. Das kriege ich nicht mehr raus. 

Benjamin: Ich würde Dich vermutlich verabscheuen, wenn Du dennoch mal kämst und an mir vorbeiziehen würdest. Ich schwimme wie eine alte Frau: eine Bahn Kraulen, und ich bin aus der Puste. Aber was machst Du

stattdessen?    

Brigitte lacht. Ich fahre gerne zu den Seen raus. Vor ein paar Wochen habe ich mir ein Stand Up Paddling Board gekauft. Ein Traum! Gerade lerne ich boxen für „Rocco und seine Brüder“. Das ist wahnsinnig anstrengend, aber auch sehr einnehmend. Vielleicht habe ich doch das eine oder andere Amazoninnen-Gen in mir. 

 

Benjamin: Du kennst ja München nun schon ewig – Du bist hier geboren, oder? 

Brigitte: Ja, wie meine Mutter und auch meine Großmutter. 

Benjamin: Haben die auch rote Haare? 

Brigitte: Nein, keiner! Nur mein Vater hat einen roten Bart. Vielleicht haben sie mich doch irgendwo aufgesammelt. 

Benjamin: Und wolltest Du nie mal raus? 

Brigitte: Doch klar. Meine Traumstadt ist immer noch Hamburg. Da möchte ich irgendwann gerne mal wohnen. Gleich nach dem Abitur bin ich ins Ruhrgebiet nach Essen auf die Schauspielschule. Ich hatte eine kleine Sieben-Quadratmeter-Wohnung an einem Autobahnzubringer. Das war furchtbar. 

Benjamin: Gab es keine andere Wohnung? 

Brigitte: Ich hatte einfach kein Geld. Letztlich habe ich mich in meiner Wohnung dann auch ganz wohlgefühlt. Es gab eine tolle rheinländische Familie über mir, alteingesessene Essener, die mochte ich sehr. Ich war auch oft in Bochum. Bis heute bin ich gern im Ruhrgebiet. 

 KIR München: Wie lässt sich denn Job und Familie vereinbaren?

Brigitte: Jetzt mischt ihr Euch schon wieder ein. Aber die Frage ist interessant. Wie ist das bei dir, Benjamin? 

Benjamin: Das lässt sich sehr gut vereinbaren, weil ich keine Familie habe. Ich bin, glaub’ ich, der ideale Theatermitarbeiter (Lacht). 

Brigitte: Für mich ist es immer noch eine Herausforderung. Und die stabile Mitte zu erhalten auf der Waagschale zwischen Familie und der Hingabe zu meiner Arbeit, ist schon oft ein Drahtseilakt. Mal fällt man auf der einen Seite runter, mal auf der anderen. 

Benjamin: Ich weiß, wir sollen nicht über Theater sprechen, aber erzähl einfach trotzdem – das ist ja unser Interview! Wie sind die Proben mit Simon Stone bei „Rocco und seine Brüder“? Und wie die Begegnungen mit den neuen Kolleginnen? 

Brigitte: In den letzten Tagen stehe ich öfters versonnen im Hof der Kammerspiele und schaue mir meine alten Kollegen an und denke: Du gehst nach Hamburg, Du nach Berlin. Du bist mein neuer Kollege. Wie werden wir uns in fünf Jahren ansehen und kennen? Jeden Tag zeige ich bestimmt drei neuen Leuten, wo sich die Toiletten befinden. Dann denke ich wieder daran, wie ich hier angefangen und die Toiletten nicht gefunden habe. Und mich verlaufen habe in den langen unterirdischen Gängen. Wehmut und Neugier wechseln sich gerade im Sekundentakt ab. 

Und Simon Stone – mag ich sehr. Er erweitert das Theater in einen noch internationaleren Raum hinein. Er spricht ein traumhaftes australian-english. Zwischendurch beweist er, wie gut er deutsch sprechen kann. Und alle zusammen sprechen wir ein herrliches Kauderwelsch. Dann unserer Kollege Samouil aus Wien, Franz aus Berlin, Gundars aus Lettland. Die Sprache fängt an zu wackeln. Auch auf das Stück bezogen: im Original italienisch, Simon hat die Textfassung auf Englisch geschrieben. Wir haben den Film auf Deutsch gesehen und so weiter. Die Sprache als Kommunikationsmittel flirrt hin und her. Simon sagt, im Englischen kennt er den Satz nicht „So sagt man das im Englischen nicht“. Er kommt aus Australien, einem Einwanderungsland, wo sich die Sprache ständig verändert. Permanent entstehen neue Wortkreationen. In der globalen Kommunikation wird Sprache genommen und benutzt. Das passt sehr gut zu „Rocco und seine Brüder“, weil das auch eine Migrationserzählung ist: Arme, ungebildete Menschen vom Land kommen in die Großstadt, um ihr Glück zu finden und in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

 

Es ist kühl geworden. Wie zu erwarten war, sind die beiden jetzt ganz in ihre Theaterwelt eingetaucht. Es ist zu spüren, wie sehr die beiden dem Start der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen entgegenfiebern (Premiere „Rocco und seine Brüder“ in der Inszenierung von Simon Stone am 14. Oktober, Premiere von „Der Kaufmann von Venedig“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann zur Spielzeiteröffnung am 9. Oktober). Die freundlichen Kellner versorgen uns mit kuscheligen Decken. Und wir plaudern off-Record noch ein Stündchen weiter …

Protokoll: Daniela Schwan, Pia-Tabea Heyen

Fotos: Mila Pairan