KIR-TALK mit Christiane Brammer

Bühnenreife wurde Christiane Brammer in die Wiege gelegt. Ob als Sängerin, Schauspielerin, Kabarettistin oder systemischer Coach, sie hat immer Erfolg. Die Rolle ihres Lebens? Theaterintendantin des von ihr vor vier Jahren gegründeten Hofspielhauses im Herzen Münchens.




Sie stammen aus einer Schauspieler- Familie. Wann fiel Ihre Entscheidung, Schauspielerin zu werden?

Mit dem Gesang fing alles an. Mit ungefähr 15 Jahren habe ich immer unglaublich laut und hoch die „Königin der Nacht“ gesungen. Da hat meine Mutter gesagt, das geht nicht so weiter, du musst Gesangsunterricht nehmen, das hält ja keiner aus. Das habe ich dann auch getan und relativ schnell begonnen, in Augsburg und München Gesang zu studieren. Danach habe ich sehr lange sehr viel gesungen, bin aber immer schon zweigleisig gefahren, weil ich Geld verdienen musste beim Fernsehen.

Und wie sind Sie beim Fernsehen gelandet?

Na ja, wenn man jung und hübsch ist, bekommt man da durchaus seine Chance, und die musste ich ergreifen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten und mein Studium zu finanzieren. Das war ziemlich praktisch, hat mir unheimlich viel Spaß gemacht und hat sich dann einfach so verselbstständigt.

Wann haben Sie das letzte Mal vor sich hin gesungen?

Das war tatsächlich auf der Autofahrt hierher, „Wenn ich einmal reich wär’“ aus „Anatevka“. Das Lied hat Burkhard Kosche bei unserem vierten Geburtstagsfest am 10.10.2019 auch gesungen. Ein gutes Motto für das Theater und deshalb habe ich es mir gewünscht. Ich selbst habe an die 250 Mal in dem Stück die zweite Tochter in allen Hallen der Welt gespielt.

Was war die beste Entscheidung in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Das kann ich nicht so sagen, weil ich immer spontan die Entscheidungen getroffen habe, die angestanden sind. Wenn sie nicht gut waren, hat es mich auf eine bestimmte Art weitergebracht, denn ich mache jeden Fehler nur einmal. Auf jeden Fall war es eine gute Entscheidung, Künstlerin zu sein. Ich wünsche es nicht jedem, aber für mich war es die richtige, weil ich ein kreatives Loch habe, und aus diesem Loch kommt immer etwas heraus. Wenn ich nicht kreativ sein kann, bin ich traurig. Eine weitere sehr gute Entscheidung war in jedem Fall, das Hofspielhaus zu eröffnen.

Wie kommt man auf die Idee, sein eigenes Theater zu gründen?

Das wollte ich immer, weil ich eben so viele kreative Ideen habe. Und immer, wenn man Ideen hat, muss man etwas mit jemand anderem machen oder jemanden fragen. Darauf hatte ich einfach keine Lust mehr, weil man da so oft ausgebremst und abgewimmelt wird. Ich möchte gerne meine Ideen umsetzen, und das kann ich jetzt viel besser, und das finde ich großartig.

Warum München?

Hier lebe ich, hier kenne ich mich aus. Die zentrale Altstadtlage ist wunderbar. Mein Vater hat um die Ecke an den Kammerspielen und im Residenztheater gespielt. In München sind viele Künstler beheimatet, da hat man ein großes Reservoir.

Sie müssen ja ein unglaubliches Netzwerk haben, wenn man sieht, wie abwechslungsreich das Programm des Hofspielhauses ist.

Sicher. In den über 30 Jahren in meinem Beruf trifft man viele Leute und anfangs haben mir auch sehr viele geholfen. Davon einige prominente Leute, das war für den Anfang ganz wichtig. Selbstverständlich geht es im Hofspielhaus nicht darum, möglichst viele Promis zu präsentieren. Aber die Fans freuen sich, wenn sie ihre Stars aus dem Fernsehen einen Abend lang ganz nah bei der Arbeit beobachten können.

Was hat es mit dem Preis der Leidenschaft auf sich, den Sie seit zwei Jahren verleihen?

Als Künstler muss man leidenschaftlich sein und auch leidensfähig. Und wir wollten einen Preis ausloben für die vielen sehr leidenschaftlichen Künstler, die leider oft auch ganz wenig Geld haben. Unabhängig davon finde ich Leidenschaft eben sehr wichtig für alle Dinge. Ich wünsche es jedem Menschen. Es ist ganz egal, ob ich leidenschaftlich Müll abhole oder leidenschaftlich gärtnere. Es geht nicht um das reine Künstlerdasein.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich bin immer noch dran, Operette für alle anzubieten. Das bedeutet, in einem Wagen durch München zu ziehen, sodass die Menschen es kostenlos anschauen dürfen. Und was ich noch lieber machen würde, ist ein großes Theaterdinner in der Falkenturmstraße. Wir wollen einfach Tische rausstellen, jeder bringt seine Brotzeit mit, die Getränke gibt’s von uns und den anderen Gastronomen, Künstler treten auf – ein Traum.

Sängerin, Schauspielerin, Theaterintendantin, Kabarettistin – wow! Gibt es etwas, das Sie nicht so gut können?

Da gibt es sicher einiges. Für das Theater wäre es vielleicht manchmal besser, wenn ich besser antichambrieren (Erklärung der Redaktion: diensteifrig um jemandes Gunst bemühen) könnte. Darin war ich nie besonders gut und eigentlich ist mir meine Zeit dafür auch zu schade, selbst wenn es manchmal hilfreich wäre. Aber ich möchte viel lieber aus eigener Kraft etwas kreativ im Theater bewegen 

Welches war das schönste Kompliment für Sie in der letzten Zeit?

Durch die Serie „Die Fallers“, in der ich seit 20 Jahren mitwirke, erfahre ich extrem viel Dankbarkeit von den Zuschauern. So auch im Hofspielhaus, wo sich unser Publikum sehr wohlfühlt. Ein Erlebnis hat mich sehr berührt. Nach der Aufführung des „Sängerkriegs der Heidehasen“ von James Krüss flog eine ältere Dame, die wir vor der Vorstellung nur sehr mühsam die Treppe herunter- begleiten konnten, geradezu beflügelt die Stufen hinauf, ohne Angst. Das war wirklich das größte Kompliment für das, was wir tun. Bei der Generalprobe zum gleichen Stück ist ein Kindergarten mit lauter Drei- bis Vierjährigen einfach sitzen geblieben und wollte das Ganze gleich noch mal sehen.

Ist es nicht wahnsinnig schwer, so viel Text auswendig zu lernen?

Das ist nicht die wirkliche Aufgabe des Schauspielers. Das Schwierige ist, den Inhalt so wiederzugeben, dass es glaubhaft ist, dass es die Menschen berührt. Die Interpretation ist das Schwierige, nicht das Auswendiglernen. 

Wenn Ihr Leben verfilmt würde: Welche Schauspielerin würden Sie sich wünschen? 

Sie fragen mich Sachen. Ich würde gar nicht auf den Gedanken kommen, dass mein Leben verfilmt werden sollte. Aber wenn dem so wäre, könnte ich mir Jella Haase, die Chantal aus „Fuck u 
Goethe“, vorstellen. Ich habe sie schon in anderen, ernsthaften Rollen gesehen und finde sie sehr vielseitig.

Der Tag hat vermutlich nicht genug Stunden für Sie? Wie viele mehr bräuchten Sie und wobei können Sie sich richtig gut entspannen?

Nein, definitiv nicht. 36 Stunden! Dann hätte ich mehr Zeit für Ruhephasen. Und mehr Zeit fürs Lesen. Ich lese sehr viel, aber keine Belletristik, keine neuen Romane. Ich schaffe es nicht, in diese fiktive Welt einzutauchen. Momentan verschlinge ich Michael Köhlmeiers „Sagen des klassischen Altertums“. Was da alles passiert ist, kann man sich nicht vorstellen. Unfassbar, wie fantasiereich und übel die sich damals gegenseitig mitgespielt haben.

 

Interview: Nicole Hannay

Foto: Markus Brönner