Künstler Thitz im Interview

KIR München im Gespräch mit dem weltreisenden Tütenkünstler Thitz




Erst einmal eine allgemeine Frage: Wie sind Sie eigentlich zur Malerei gekommen?

Thitz: Grundsätzlich malen ja vermutlich die meisten Kinder, ich natürlich damals auch. Dann ging es darum, was einen in der Schule interessiert. Ich war in Kunst nicht schlecht, sondern eher ganz gut. Dann ging es nach dem Abi darum, was man studiert. Nach längerem hin und her habe ich mich dazu durchgerungen Kunst zu studieren. Wo alle dann gesagt haben: „Das haben wir ja schon immer gewusst". Ich selber aber nicht. Im Nachhinein war es eigentlich schon wirklich klar.

Sie hatten also keine Zweifel, in welche Richtung es gehen soll?

Thitz: Ich hatte mir noch Chemie überlegt. Diese Denkweise bei den Naturwissenschaften, dass man sich  von einem zum anderen in Gedanken hoch angelt, das fand ich ganz interessant, aber die Berufsaussichten fand ich dann nicht wirklich interessant. Zusätzlich hat mich auch noch Politik interessiert, aber ich dachte mir: „Komm, machste Kunst, da kannst Du alles zusammenbringen!“ und das stimmt auch.

 

Aber ist es schwierig, wenn man Kunst als Beruf macht, mit dem Zeitdruck noch kreativ zu sein?

Thitz: Also ich weiß nicht, wie das bei anderen Künstlern ist. Aber bei mir ist es so, dass man offensichtlich kreativ ist und das auch irgendwo „erledigen" muss, denn ich glaube, es wäre gefährlich, wenn man so viel aufnimmt und nichts Sinnvolles daraus macht.

 

Wo nehmen Sie denn die Inspiration her? Sie gehen einfach in die Stadt und was passiert dann mit Ihnen?

Thitz: Ich wollte mich für ein Stipendium der DAAD in Barcelona für ein Jahr bewerben und habe mir überlegt: Was machst Du dann da? Und Städte haben mich eigentlich gar nicht interessiert, weil sie laut sind, stinken und schrecklich sind und alles irgendwie schon von jemand anderem gebaut wurde. Die Natur, unverfälscht – da lernst du was, dachte ich. Aber ein Jahr in die Landschaft zu gehen, das war mir zu blöd und zu lang. Deshalb habe ich mir gedacht: „Dann gehst Du genau da hin, wo es Dir nicht gefällt, weil Du dann was Interessantes hast." Ich war tatsächlich ein Jahr in Barcelona und dann hat sich das irgendwie umgedreht. Erst später haben mich die Menschen interessiert. Wir sind ja auch Natur. Das heißt, dass das nicht alles konstruiert ist. Städte wachsen wirklich. Das, was Städte weltlich und interessant macht, das sind wir und dieses Natürliche. Also dieser Vorgang, der einem doch wieder Natur zeigt. Dieses  Wuchern, dieses Chaos – es belagert einen mit Informationen, die vom Menschen ausgehen und zum Menschen zurückgehen, also von uns für uns gebaut sind. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich zu dieser unmodernen Spezies des Menschenfreundes gehöre und dann war das die Erklärung.

 

Nehmen Sie die Orte dann auch schon in Bildern wahr?

Thitz: Nein. Es ist eher so eine zweite Ebene. Ich versuche nicht so eine fotografische Wahrheit zu verfolgen, sondern eine empfundene, weil diese mir auch wahrhaftiger vorkommt. Das ist das, was man eigentlich in Erinnerung hat und auf dem Foto vermisst. Wenn man dann Heim kommt und denkt, dass hat sich aber ganz anders angefühlt. Also das heißt, die Chance, zu versuchen, das auch wiederzugeben, indem man nicht konstruiert oder nicht zu viel konstruiert und dann das Bild relativ lang offen lässt, sodass es einfach noch möglich ist, weiter zu empfinden.

 

Das heißt, Sie malen das alles aus dem Kopf?

 

Thitz: Ich mache schon auch Aquarell-Studien, auch was die Farben angeht und Fotos für so eine bestimmte Komposition. Wenn man jetzt zum Beispiel die Wall Street nimmt und noch mal auf einem Foto anschaut: Wie steht das Empire State Building an der Straßenkante?Die Straßen werden auch in 100 Jahren ungefähr noch so bleiben (Thitz zeigt auf sein Bild der Metropole London), da es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass es sich ändert. Man kann so etwas auf dem Foto und auch auf Google Earth anschauen. Wie würde das ungefähr aussehen, wenn das Meer jetzt steigt und welcher Teil von London bleibt unberührt? In diesem Fall steigt das Meer. Es gibt Programme, wo man Meeresspiegel anschauen kann. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie sich die Menschen in hundert Jahren fühlen, die dort dann leben. Wenn die Stadt dann noch existiert und so aussieht, dann hat alles geklappt.

Man kann also sagen, dass in Ihren Bildern viel eigene Empfindungen und Emotionen, die Sie in der Stadt gefühlt haben, verankert sind?

Thitz: Das ist meine einzige Chance, damit etwas widerzugeben, was Sinn macht und was nicht fotografierbar oder sonst irgendwie herstellbar ist. Im besten Fall etwas, was andere nachempfinden können und das scheint auch zu funktionieren. Also von dem, was man so als Feedback bekommt: Dass sich New York so anfühlt wie New York und London wie London und so weiter... Das schafft, eine urbane Identität oder Kultur herauszuarbeiten. Von den Gegenständen und Namen, die in einer globalisierten Welt auch in der Zukunft noch Bestand haben können. Wo dann vielleicht die nationale Zugehörigkeit oder Religion eher schwierig ist, wird so etwas nie schwierig sein, für jeden. Etwas ganz Persönliches. Das hat was mit Kultur zu tun.

Sie verwenden bei dieser Ausstellung sehr viele kräftige, helle Farben. Wollen Sie damit Positivität ausdrücken?

Thitz: Für mich sind die Städte auch so. Am Abend ist alles bunt, was man sieht. Und tagsüber nicht immer, aber auch bunter als in der Natur. Es scheint uns also zu gefallen. Werbung ist ja auch gerne farbig, weil sie Aufmerksamkeit erregen will.

 

Mit welchen Farben malen Sie?

Thitz: Mit Acrylfarben. Sie haben bei meinen Bildern teilweise eine ähnliche Erscheinung wie Aquarellfarben, da ich sie viel mit Wasser verdünne. Acryl verhält sich ganz anders als Aquarell. Die Technik ist eine andere. Es ist auch sehr schwierig. Das Herstellen von einer Wasserfläche zum Beispiel und auch die Schattierungen, da braucht man schon Übung. Nach 25 Jahren Erfahrung klappt es jetzt schon. Stück für Stück...

Und wie sind Sie auf die Tütenidee gekommen?

Thitz: Am Anfang des Studiums überlegte ich, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass die vorgefundenen Materialien auf mich passen würden. Mit der Prämisse, dass genau meine Darstellungsweise charakterisiert wird. Dann wäre es automatisch etwas Neues gewesen, denn es gibt keine zwei gleichen Menschen auf der Welt. Dann versuchte ich wirklich, mit den Materialien rumzuprobieren. Und ich schaute: Was bleibt übrig und was fühlt sich nach mir an. Also habe ich alles Mögliche auf Leinwände geklebt und tatsächlich ist das passiert, was ich vorhatte: Die Tüte ist übrig geblieben.

 

Wieso genau die Tüte?

Thitz: Sie hatte zwei Sachen: Woher? Also, dass man direkt eine Kultur transportiert und sie gibt diese Idee eines Inhalts. Also philosophisch gesehen, eine zweite Ebene, die zu entdecken sein könnte. Also etwas hineinzudenken und hineinzutun. Denken, dass man die Oberfläche sieht und weiß, da ist vielleicht noch etwas anderes drin. Etwas völlig anderes, aber was vielleicht damit zu tun hat. Und diese zwei Ebenen oder mehrere denkbaren Ebenen – diese Inspiration ging eben hauptsächlich von den Tüten aus. Und zusätzlich ist eine Tüte eben etwas ganz Normales, Alltägliches. Eins von den wenig global existierenden Kulturen, so wie Bücher, Seife und die Zeitung. Es ist eben ein schon kulturell existierender Bereich. Es ist kein notwendiges Ding, wie Essen und Trinken, sondern zeigt es, dass es Kulturen gibt, die für uns Menschen alle funktionieren. Dass man in der Kommunikation von Mensch zu Mensch schaut und nicht von Grenze zu Grenze.

 

Wie lange malen Sie an so einem großen Bild, wie diesem hier, das London zeigt?

Thitz: Das ist schon speziell. Das hat schon länger als ein Jahr gedauert. Man kann ja nicht immer daran arbeiten. Bei einem so großen Bild, will man natürlich keinen Fehler machen. Dann steht es halt mal rum und man muss die richtige Stimmung haben, um genau an einer Stelle weiterzuarbeiten. Es muss ein Stück vorangehen, dass die eine Farbe in die andere greift und es soll schon locker aussehen. Wenn man mit flüssigen Farben arbeitet und diese dann an der falschen Stelle zusammenlaufen, dann ist gleich die ganze Fläche falsch. Also lohnt es sich konzentriert zu sein.

 

Sie meinten, Sie könnten so zwischen acht bis 14 Stunden am Tag durcharbeiten. Ist da Ihre Konzentration nicht nach ein paar Stunden schon verbraucht?

Thitz: Nicht unbedingt. Man muss nicht bei allen Vorgängen hoch konzentriert sein. Ganz ganz viel ist dann auch erstmal notwendiges Arbeiten. Die Figuren müssen in erste Linie erst einmal da sein und was sie dann für einen Ausdruck haben, dass geht dann immer in kleinen Stücken.

 

Der Schaffensprozess kann dann also auch mal unterbrochen werden?

Thitz: Ja genau. Manchmal ist es auch notwendig.

 

Was uns jetzt noch wirklich interessiert: Ihre Schuhe! Sie tragen immer einen roten und einen gelben. Stehen die zwei Farben auch symbolisch für etwas?

Thitz: Entstanden ist es während der Schulzeit. Da hat mir immer schon besser gefallen, dass wenn man läuft und auf den Boden guckt, da etwas Farbiges ist, neben dem Asphalt. Ich habe auf einer Reise nach England, mit Freunden einen Film gedreht namens „Improving the colour“ und wir haben so heraldische Sachen für den Film gesucht und da wurde mir immer klarer, dass diese „personal colours", was man in England sagen würde, es vielleicht trifft. Das konnte ich für mich auch so sehen. Die Farben habe ich so ausgewählt, weil sie auf dem grauen Asphalt am ähnlichsten wirken.

 

Sind das dann eigene Maßanfertigungen?

Thitz: Meistens schon. Es gibt aber auch manchmal die Schuhe in diesen Farben zu kaufen. Ich habe gerade in einem Laden in der Türkenstraße österreichische, handgemachte Schuhe gefunden und die können sie auch in rot und gelb herstellen. Die habe ich mir jetzt gerade bestellt.

 

Allein dafür hat sich Ihr Aufenthalt hier dann ja schon gelohnt! Sind Sie öfters in München?

Thitz: Ja schon. Immer zu Ausstellungen vor allem. Diese Ausstellung ist jetzt schon die Dritte in der DavisKlemmGallery (Gabelsbergerstr. 11). Und davor war ich bei Galerie Trost in der Prannerstraße viele Jahre vertreten, die aber zu gemacht hat. Es gibt auch wieder weitere Anfragen.

 

Alle Ihrer Werke sind Ergebnisse von Reisen. Gab es eine Stadt, die Sie besonders inspiriert hat?

Thitz: New York war auf jeden Fall ein Schlüsselerlebnis. Der Times Square, bevor er digitalisiert wurde, war ein festgestelltes Queensmittel mit Logos drauf und die Leute liefen mit den Tüten rum, wo das Logo drauf war. Und dann habe ich mir gedacht: „Naja, dann besorgst Du Dir Tüten und kannst die Stadt nachbauen." Da hat Bag City angefangen, also ungefähr ab 1995.

 

Ist das dann auch die Stadt bei der Sie die meiste kreative Energie gespürt haben?

Thitz: Das ist noch mal etwas anderes. Reykjavík ist zum Beispiel eine solche Stadt. Letztes Jahr hatte sie etwas Elektrisierendes. Aber auch hier dieses Viertel (Schwabing). Alle Läden, charmant nebeneinander und so viel Energie, dass selbst im Hinterhof noch Läden sind, die auch noch funktionieren.

 

Wie würden Sie ihre Kunst zusammenfassend beschreiben?

Thitz: Tja...das machen dann eigentlich nach vielen Jahren dann irgendwelche Kunsthistoriker (schmunzelt). Selber einordnen ist immer schwierig. Ich möchte einfach erzählen, was ich selber an den Plätzen erlebt habe und dass man das anders widergibt als ein Foto es kann, dass die Malerei einen Sinn hat und Dinge visualisiert werden, die man sonst nicht sieht und auch deshalb schreibe ich Dinge in die Bilder hinein. Verheißungen, die nachhaltig vorhanden bleiben. Ich möchte die Oberfläche zeigen und dann eben diese zweite Ebene. 

 

Valentina Teinitzer/ Arianna Chamier