Peintre X – Maler ohne Namen

Wie kommt man an jemanden heran, der seine Identität nicht preisgeben will? Galeristin Cornelia Walter holte die Werke von Peintre X in ihre Galerie, ohne ihn je gesehen zu haben. Text© Pia-Tabea Heyen Bilder© Klaus Weißenburg, Galerie Cornelia Walter




„Sein Eigenes: die zeitungsgleiche Weltpressegrundierung mit durchgestrichenen Augenpartien, die Brustwarzenmedaillons, die skripturalen Einschübe, die Neonschrift. All das ist berührend, zielt auf eine Einheit aller Einrichtungen, verbindet in seiner reichlichen Skepsis und abnehmender Hoffnung, und ist dadurch mittendrin im Heute. Peintre X erreicht damit die, auf die er zielt, und zu denen er ja selbst gehört.“ (Laudatio von Prof. Dr. Helge Bathelt)

Peintre X: „peintre“ aus dem Französischen für Maler - und das „X“? Mathematisch gesehen stellt „X“ eine undefinierte Variable da. Das heißt, „X“ könnte alles sein: eine Zahl, ein anderer Buchstabe, ein Name. Fügt man Maler und „X“ zusammen, ergibt das „Maler X“ – ein x-beliebiger Maler. Ein Maler ohne Identität. Ein Maler ohne Namen. Ein Maler für die Kunst. Kunst, die fasziniert, fesselt, zum Nachdenken anregt. Kunst, die jedem gehört. Kunst ohne Maler.

Von der Straße in die Galerie

Doch wie erreicht ein Maler ohne greifbares Gesicht sein Publikum? Die Antwort hat Galeristin Cornelia Walter, die die Werke von Peintre X exklusiv in ihrer Galerie in der Belgradstraße 11 bis zum 21. November ausstellt. KIR München war bei der Vernissage am 8. Oktober hautnah dabei:

Guten Abend, Frau Walter. Wie haben Sie Peintre X entdeckt?

Cornelia Walter: Es war reines Glück. Ich stieß durch Zufall auf ein Bild von ihm, als ich gerade eine Radtour machte, hing es an einer Wand im öffentlichen Raum.

Ein Bild, gefunden bei einer Radtour. Wie muss man sich das vorstellen?

Cornelia Walter: Peintre X sagt: "Kunst ist für alle da." Er hängt die Bilder überall dort hin, wo er gerade ist, auch international. Dafür gibt er regelmäßig einen Tipp auf seiner anonymen Facebook-Seite, wo sich das nächste Bild befindet. Entdeckst du eins, darfst du es mitnehmen und behalten. Allerdings sollst du dann einen Betrag X an eine Institution deiner Wahl spenden. Das ist ein toller sozialer Aspekt, der super zu meinem Galerie-Konzept passt.

Wie genau sieht Ihr Galerie-Konzept aus? Oder, was war Ihre Intention?

Cornelia Walter: Ich bin selber auch Künstlerin, nicht vergleichbar mit Peintre X oder anderen, aber in der Kunst habe ich meinen Frieden gefunden. Wenn man sich in diesen Künstler-Kreisen bewegt, lernt man sich natürlich untereinander kennen. Viele haben mir dann ihr Leid geklagt, wie schwer es ist, sich über Wasser zu halten. Das musste ich nie erfahren, weil zuvor sehr erfolgreich in der Textilbranche tätig war. Aus dem Grund habe ich mir gedacht: Du machst jetzt eine Galerie auf. Aber nicht wie alle anderen, sondern du machst es anders.

Inwiefern anders?

Cornelia Walter: Da ich nicht von der Galerie leben muss, geht der Erlös in die Peter Raum Stiftung, die die Ausbildung von Blindenführhunden finanziert. Ich bin selbst Botschafterin dieser Stiftung. Ich finde, wenn man zu den Menschen gehört, denen es gut geht, dann trägt man eine soziale Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Und mit dem Verkauf der Bilder helfe ich blinden Menschen, dem Künstler selbst und natürlich auch den Kunstliebhabern - ganz nach dem Motto: Kunst ist für alle da.

Noch mal zurück: Peintre X stellt ja nun bei Ihnen aus, obwohl er anonym bleiben will. Wie sind Sie an ihn rangekommen?

Cornelia Walter: Ich habe ein weiteres Bild bei ihm auf seiner Facebook-Seite entdeckt. Es war nur ein kleines Bild, hängend an einem Zigarettenautomaten. Aber ich wusste genau, wo das war, und da dachte ich mir: Das holst du jetzt ab. Also, bin ich mit dem Rad hingefahren, hab das Bild in meinen Korb gepackt, und war total happy. Plötzlich sagt eine: "Hallo, hallo! Bleiben Sie mal stehen!" Ich fühlte mich schon fast schuldig, doch erwiderte, dass man das mitnehmen dürfte. Die Frau gab sich dann zu erkennen, und sagte, dass sie vom Bayerischen Rundfunk sei, und sie gerne ein Interview mit mir machen würde. Ich fragte sie dann, ob sie mir den Kontakt zu Peintre X herstellten könnte, aber dies ginge nicht, da der Künstler sich nicht outen wolle. Ich bat sie schließlich, ihm auszurichten, dass ich am nächsten Tag eine Vernissage veranstalten würde, und das tat sie - er hat sich dann ganz anonym unter die Gäste gemischt und drei Tage später erhielt ich den Anruf von Peintre X. Seit dem arbeiten wir sehr erfolgreich zusammen. Peintre X ist der erfolgreichste Künstler der Galerie.

 

Interview und Text von Pia-Tabea Heyen